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SPOT Redaktion • 23. September 2026 • 09:09 Uhr

GASTBEITRAG VON MARTIN MOSZKOWICZ

Vom 25. bis 27. September treffen sich am Dolder wieder Hollywood und Europa, und zum ersten Mal sitzen TikTok und YouTube offiziell mit am Tisch. Exklusiv für THE SPOT schreibt Martin Moszkowicz, Filmproduzent und Präsident des Zurich Film Festival, darüber, was er sich vom Zurich Summit erwartet.

Als Eline van der Velden im September vergangenen Jahres im Dolder Grand ans Mikrofon trat und eine junge Frau vorstellte, die es gar nicht gibt, hat vermutlich niemand im Saal geahnt, was das in den nächsten Tagen auslösen würde. Die Figur hieß Tilly Norwood, gebaut von Xicoia, dem KI-Ableger ihrer Firma Particle 6, und van der Velden sagte, Agenturen hätten schon Interesse. Drei Tage später war die Figur das Gesprächsthema der Branche. Emily Blunt fand das, was sie da sah, schlicht beängstigend, Natasha Lyonne rief zum Boykott jeder Agentur auf, die so etwas vertreten würde, und die Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA schrieb in einer Erklärung, Tilly sei keine Schauspielerin, sondern ein Programm, trainiert an der Arbeit von Menschen, die dafür weder gefragt noch bezahlt worden sind. Der Summit hatte auf einmal eine Reichweite, die man mit Pressearbeit nie hinbekommt. Ich sage das nicht, weil ich stolz darauf wäre. Es zeigt nur, wofür so ein Format taugt: Dinge werden hier zum ersten Mal ausgesprochen, und manchmal knallt es.

Dieses Jahr kommt Tilly wieder. Van der Velden erzählt, was seither passiert ist, danach spricht Diana Lodderhose von Deadline mit ihr und, ja, auch mit Tilly. Es gibt inzwischen ein angekündigtes Spielfilmprojekt mit der Figur, „Misaligned“ soll es heißen, und van der Velden hat in einem Interview gesagt, sie habe noch vierzig weitere solche Figuren in der Pipeline. Man darf das gruselig finden. Ich habe mich in meinem Berufsleben oft genug mit digital veränderten Darstellern beschäftigt, ganze Einstellungsfolgen sind so entstanden, das ist Alltag. Neu ist, dass die Figur überhaupt keinen Körper mehr braucht. Und dann stellen sich Fragen, die ich mir mit 25 nicht gestellt hätte: Was engagieren wir eigentlich, wenn wir einen Star engagieren, ein Gesicht, eine Leistung oder eine Biografie? Wem gehört das Material, aus dem so eine Figur zusammengesetzt wurde? Und merkt das Publikum den Unterschied nur, oder ist ihm der Unterschied auch etwas wert? Bei der letzten Frage bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher.

Ich habe vor ein paar Wochen in der Süddeutschen Zeitung darüber geschrieben, wem unsere Fantasie eigentlich gehört, und bin am Ende optimistischer herausgekommen als die meisten, gerade was das Kino betrifft. Wir suchen im Kino das Außergewöhnliche und wollen gleichzeitig wissen, worauf wir uns einlassen. Keiner der Filme, die uns verändert haben, wäre von einer KI erdacht oder auch nur für gut befunden worden.

[Bildunterschrift: Hochkarätige Speaker beim Zurich Summit 2026: Oben, v.l.: Edward Berger, Robbie Brenner, Oliver Berben. Unten, v.l.: Janine Jackowski, Zack London/Gossip Goblin, Martin Moszkowicz (Credit: ZFF)]

Der Summit selbst ist kompakt. Drei Tage, 150 Leute, ein Hotel oben am Berg über Zürich, in der ersten Woche des 22. Zurich Film Festival. Wir nennen ihn gern das Davos der Filmbranche, das ist natürlich ein bisschen Koketterie, aber eines stimmt: Man trifft dort in drei Tagen Leute, für die man sonst dreimal nach Los Angeles, London oder Tokyo fliegen müsste. Agenten, Finanzierer, Verleiher, Produzenten, Filmemacher und seit einiger Zeit eben auch die Streamer. Ich komme seit vielen Jahren zum ZFF und zum Summit, lange als Gast, jetzt zum ersten Mal als Präsident, und einige meiner Projekte haben in Zürich angefangen. „Those About to Die“ zum Beispiel, die Gladiatorenserie von Roland Emmerich mit Anthony Hopkins: Am Summit hatte ich ein erstes Gespräch mit Gianni Nunnari, kurz darauf sprach mich Stuart Ford darauf an, und aus diesen beiden Gesprächen wurde die Serie. Der Guardian zählt das ZFF inzwischen zu den wichtigsten Festivals in Europa. Das ist die Arbeit von Christian Jungen und seinem Team, und sie sind dabei, daraus eine internationale Marke zu machen.

Dazu kommt der Termin. Das Festival liegt genau am Herbstanfang, nach Venedig und Toronto und vor dem ganzen Herbst- und Awards-Geschäft und den Winterfestivals Sundance und Berlin, besser lässt sich ein Branchentreffen kaum in den Kalender setzen. Reta Guetg, unsere Festivaldirektorin, sagt, es gehe am Summit nicht nur ums Reden, sondern um konkrete Zusammenarbeit und um Deals. Die Panels sind dann fast der Vorwand. Trotzdem lohnt sich ein Blick ins Programm, weil man daran ablesen kann, was die Branche gerade umtreibt.

[Bildunterschrift: Rednerinnen und Redner beim Zurich Summit: Kane Parsons, Bill Kramer und Elisabeth d’Arvieu (oben, v.l.n.r.) sowie Kevin Mayer, Efe Cakarel und Eline van der Velden (unten, v.l.n.r.) (Credit: Zurich Film Festival)]

Der Vormittag gehört der KI. Markus Gross von der ETH macht den Anfang. Gross hat 2008 für Disney das Forschungslabor in Zürich aufgebaut, ist heute Chief Scientist der Walt Disney Studios und hat von der Academy zwei Technical Achievement Awards bekommen, einen für die Simulation von Rauch und Explosionen, einen für ein System zur Erfassung von Gesichtern, das Medusa heißt. Ich erwähne das so ausführlich, weil in Deutschland gern so getan wird, als käme diese ganze Technologie aus Kalifornien und wir hätten damit nichts zu tun. Ein Teil davon kommt aus einem Labor der ETH in Zürich.

Danach die Creators Coalition on AI, die unter anderem Daniel Kwan, Joseph Gordon-Levitt und Natasha Lyonne gegründet haben. Auf ihrem Panel sitzen auch Nick Shumaker von AC Independent und Zack London, ein KI-Influencer, den Millionen unter dem Namen Gossip Goblin kennen. Die Koalition sagt, die Trennlinie verlaufe nicht zwischen Tech und Entertainment, sondern zwischen denen, die es schnell machen wollen, und denen, die es richtig machen wollen. Das ist eine bessere Beschreibung der Lage als das meiste, was ich im Mai in Cannes auf Plakaten gelesen habe.

Dann kommen die Plattformen, und da wird es kontrovers. Andreas Briese, der YouTube in Deutschland und in Nord- und Zentraleuropa leitet, hält eine Keynote, Hasmik Matinyan von TikTok ebenfalls, und anschließend diskutiert sie mit Oliver Berben und Linda Fiolka von Constantin Film und mit Julie La’Bassiere darüber, was Influencer heute mit dem Marketing eines Kinofilms anstellen.

Ich weiß, dass das nicht allen gefällt. Als wir im Juli bekannt gegeben haben, dass zwei TikTok-Creator vom Green Carpet streamen werden, schrieb ein Schweizer Kulturmagazin, das sei Reichweite statt Kultur. Der Einwand ist nicht dumm. Der Algorithmus mag das Schnelle, ein Festival lebt vom Langsamen, und wer sich auf eine Plattform verlässt, deren Regeln er nicht kennt, macht sich abhängig. Alles wahr. Nur: Unter den zwanzig erfolgreichsten Filmen in den deutschen Kinos des vergangenen Jahres waren fünfzehn, die auf TikTok viral gegangen sind. In den USA verbringen die Leute inzwischen mehr Zeit vor dem Bildschirm mit YouTube als mit Netflix. Und die beiden Horrorfilme, die in diesem Sommer das amerikanische Box Office durcheinandergebracht haben, kommen beide von YouTube. Kane Parsons hat „Backrooms“ mit 16 als Serie in seinem Kinderzimmer angefangen; der Film hat geschätzt zehn Millionen Dollar gekostet, rund 400 Millionen eingespielt und ist damit der erfolgreichste Film, den A24 je hatte. „Obsession“ von Curry Barker, gedreht für weniger als eine Million, steht bei über 500 Millionen. Ich habe SPOT im Februar gesagt, dass es sich lohnt, im Low-Cost-Bereich zu experimentieren und die Aufmerksamkeit dann ins Kino zu tragen. Damals war das eine These, jetzt kann man es an zwei Filmen nachrechnen.

[Bildunterschrift: „Backrooms“ mit Chiwetel Ejiofor (Credit: Constantin Film)]

Parsons ist Anfang zwanzig und kommt nach Zürich. Er sitzt nachmittags mit Michael Barker von Sony Pictures Classics, Robbie Brenner von Mattel Studios und Bill Kramer, dem Chef der Academy, auf einem Panel über die Frage, wie man in Zeiten von Social Media überhaupt noch Aufmerksamkeit fürs Kino bekommt. Ich bin gespannt, wer da wem zuhört.

Zum Kino selbst: Der Sommer war in den USA der beste, den es je gab, 4,76 Milliarden Dollar zwischen Anfang Mai und Labor Day, knapp 30 Prozent mehr als im Vorjahr und ein paar Millionen über dem alten Rekord von 2013. „Spider-Man: Brand New Day“ liegt weltweit über 2,3 Milliarden, Nolans „The Odyssey“ bei 1,6. Was in den Jubelmeldungen meist fehlt: Bis Mitte August wurden 547 Millionen Tickets verkauft, 2019 waren es zum gleichen Zeitpunkt fast 800 Millionen. Weniger Leute geben also mehr Geld aus. Genau das schreibe ich seit zwei Jahren: Das Kino wird ein Premiumprodukt für die, die es wirklich wollen, und die Kunst besteht darin, diese Leute direkt anzusprechen.

Am Nachmittag geht es ums Geld, und wer ehrlich ist, gibt zu, dass viele vor allem deshalb anreisen. Efe Cakarel erzählt, wie er MUBI zu einem globalen Zuhause fürs Kino machen will. Er hat im vergangenen Jahr 100 Millionen Dollar von Sequoia bekommen, bei einer Bewertung von einer Milliarde, hat dafür einen Sturm der Entrüstung ausgehalten und im April trotzdem 1,7 Millionen Abonnenten gemeldet. Danach sitzt er mit Kevin Mayer von Candle Media (der Mann hat bei Disney den Start von Disney+ verantwortet und danach für ein paar Monate TikTok geführt, was in diesem Programm eine hübsche Pointe ist) und mit Elisabeth d’Arvieu von Mediawan Pictures zusammen und redet darüber, ob man in diesem Markt groß sein muss oder beweglich. Vermutlich beides.

Bei „Show me the money“ sind unter anderem Andrea Scarso von IPR.VC dabei, einem sehr klugen finnischen Fonds, der Filmrechte als eigene Anlageklasse begreift, und Sarah Schweitzman von CAA Media Finance. Es geht um die alte Frage, warum jemand Geld in Filme stecken soll, wenn er es auch in Rechenzentren oder Immobilien stecken kann. Ich habe darauf eine Antwort, aber ich will erst hören, was die sagen.

[Bildunterschrift: FilmNation-Gründer und -CEO Glen Basner (Credit: FilmNation)]

Zum Schluss bekommt Glen Basner den Game Changer Award. Basner hat FilmNation 2008 gegründet und seither Filme wie „Arrival“, „Promising Young Woman“, „Conclave“ und „Anora“ möglich gemacht, „Anora“ allein hat fünf Oscars gewonnen. Roeg Sutherland hält die Laudatio, danach spricht Edward Berger mit Basner, über „Conclave“, vor allem aber darüber, wie man aus dem Nichts eine Firma wie FilmNation baut. Berger hat uns geschrieben, er werde versuchen, dem Game Changer alle seine Geheimnisse zu entlocken. Basner hat zur Ehrung gesagt, in diesem Geschäft müsse heute jeder ein Game Changer sein, und er sei trotzdem vollkommen optimistisch. Den Optimismus teile ich. Ein paar Vorbehalte habe ich auch, aber die bespreche ich lieber mit ihm als hier.

Ich selbst sitze mittags auf einem Panel über Produzenten, die Geschichten über Märkte hinweg erzählen, neben Janine Jackowski von Komplizen Film, Romain Bessi, der die europäische Produzentenallianz The Creatives führt, Roeg Sutherland von CAA und Rena Ronson von UTA. Was ich dort sagen werde, habe ich in den letzten Monaten oft genug gesagt: Wir sind stark in der Herstellung und schwach in allem, was danach kommt. Den großen europäischen Produktions- und Vertriebsfirmen fehlt eine Vorstellung davon, wie sie ihr Geschäft in Zukunft organisieren wollen.

Der Summit ist der Ort, an dem man auch die Leute trifft, die dieses Danach beherrschen. Deshalb sitzen die Plattformen dieses Jahr mit am Tisch. Man muss sie nicht mögen. Man sollte aber wissen, wie sie rechnen. Für Kurzentschlossene gibt es noch ein paar Akkreditierungen. Ich bin die ganzen drei Tage da und danach noch am Festival. Wer mich sucht, findet mich.

Martin Moszkowicz ist Filmproduzent und Präsident des Zurich Film Festival.

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