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Beten allein hilft nicht

Es gibt in Deutschland zu viele Filme ohne Relevanz, zu viel Durchschnitt, zu viel Sehnsucht nach mehr Subventionen. Dabei ist die Krise teils selbst verschuldet. Was die Branche tun muss, um sich zu retten.

Von Martin Moszkowicz


Ohne außergewöhnliche Geschichten und mutige Visionen wird die deutsche Film- und Medienindustrie unsichtbar und irrelevant. Fernsehen und Streamer investieren neben ihrem Mainstream-Geschäft zu wenig in die kreative Infrastruktur. Das deutsche Kino ist oft durchschnittlich und nicht erfolgreich genug. Es gibt Lichtblicke, aber es reicht nicht, um zu überleben.

Die Branche steht wieder einmal an einem Scheideweg. Nach Jahren des Booms vor allem im Bereich der Produktionen für Fernsehen und Streamer erleben wir - nun schon seit einiger Zeit - einen „Perfect Storm“ von verschiedenen Herausforderungen: die Nachwirkungen der Pandemie, das Abklingen des erbitterten Wettbewerbes zwischen den neuen Streamingdiensten, den Pay-TV-Anbietern und dem klassischen Fernsehen. Die Auswirkungen der Streiks von Drehbuchautoren und Schauspielern in den USA sowie steigende Kosten haben die audiovisuelle Branche weltweit erschüttert.

Filmtheater bieten ein Erlebnis, das keine Couch zu Hause ersetzen kann

Hinzu kommen veränderte Sehgewohnheiten und eine Inflation von Inhalten, die das Publikum zunehmend überfordert. Pay-TV, Free-TV und Streamingplattformen standen in einem erbarmungslosen Wettbewerb um Marktanteile und Aufmerksamkeit, sie haben das klassische Home-Entertainment fast komplett abgelöst und konzentrieren sich jetzt auf Pay-TV und Fernsehen. Die meisten Streamer sind Teil von internationalen Konzernen. Der Börsenwert von Netflix, dem einzigen relevanten, unabhängigen, weltweiten Anbieter, ist heute größer als der aller fünf Hollywood-Filmstudios zusammen. Wenn man sich das Nutzungsverhalten der unter 50-Jährigen ansieht, ist der Kampf von Streamern gegen klassisches Pay- und Free-TV weitgehend entschieden.

Das Kino ist schon oft totgesagt worden und hat sich dann doch immer wieder auf die veränderten Umstände einstellen können. Im Kinobereich ist das Produktionsvolumen relativ gleich geblieben. Trotz großer Konkurrenz und der Schließungen während der Pandemie ist die Kinobranche überraschend resilient. Filmtheater bieten ein Erlebnis, das keine Couch zu Hause ersetzen kann. Gerade das Kinojahr 2024 hat das eindrücklich noch einmal demonstriert.

Deutsche (Co-)Produktionen und Filme von deutschsprachigen Regisseuren stehen derzeit im Wettbewerb um die begehrtesten Trophäen des internationalen Kinos wie Golden Globes oder Oscars: „Konklave“ von Edward Berger, „September 5“ von Tim Fehlbaum und „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof. Das sind echte Lichtblicke, die emotionale Erlebnisse anbieten, die einerseits überraschen und zugleich die Erwartungen der Zuschauer erfüllen. Ein schmaler Grat, den zu wenige deutsche Filme meistern.

Bei einem Angebot von vielen Hundert Filmen jedes Jahr sind es gerade einmal zwei Dutzend, die das Publikum in relevantem Umfang erreichen, an den Kinokassen oder durch Erfolge bei internationalen Festivals oder durch innovative neue gestalterische Ansätze. Gerade weil die TV-Sender ihre Investitionen in deutsche Produktionen drastisch reduziert haben, weichen viele Filmemacherinnen und Filmemacher ins Kino aus - mit dem Ergebnis, dass ein großer Teil besserer Fernsehfilme ohne große Marketingunterstützung in die Kinos kommt. Der Marktanteil deutscher Kinoproduktionen bewegt sich seit Jahren bei um die 20 Prozent. Im internationalen Vergleich ein Trauerspiel.

Auch wenn es im deutschen Kino durchaus immer wieder gut gemeinte Ansätze gibt, reicht es leider nicht. Zu viele Filme ohne Relevanz, zu viel Durchschnitt, die dem deutschen Kino weder zu mehr Qualität noch zu mehr Wirtschaftlichkeit verhelfen. Die Überproduktion verwässert die sowieso nicht ausreichenden Finanzierungsquellen und führt dazu, dass ein großer Teil des Publikums das Interesse an deutschen Produktionen verloren hat.

Hinzu kommt, dass der Produktionsstandort Deutschland allgemein ins Hintertreffen geraten ist, durch hohe Energiekosten, marode Infrastruktur, hohe Lohnkosten, lähmende Bürokratie. Viele internationale Produktionen mit einem Volumen von circa drei Milliarden US-Dollar pro Jahr, die nach den weltweit günstigsten Produktionsbedingungen suchen, finden inzwischen bessere Möglichkeiten an anderen Produktionsstandorten, wie Tschechien, Österreich, Polen oder Ungarn.

Alle produzierenden Unternehmen müssen jetzt sparen und reduzieren

In den letzten Jahren war - auch wegen der Covid-Krise - die Auftragslage für Home Entertainment durch konkurrierende Streamer, Pay-TV- und Free-TV-Anbieter extrem gestiegen. Deshalb haben Produktionsunternehmen ihre Kapazitäten hochgefahren. Gleichzeitig sind die Herstellungskosten durch Pandemie-Maßnahmen, höhere Lohnkosten bei reduzierter Arbeitszeit und durch die Inflation gestiegen. Jetzt ist diese Hochzeit vorbei. Die Auftragslage hat sich in allen Bereichen reduziert, Auftraggeber, wie zum Beispiel Sky, sind weggefallen, und die klassischen Sender haben durch zu hohe Kosten und Reduzierung des Werbeaufkommens weniger Geld für Inhalte.

Gleichzeitig entwickeln sich Streamer immer mehr zu klassischen TV-Sendern, und Inhalte wie Sport, Shows und News nehmen einen immer größeren Anteil ein zulasten von fiktionalen Inhalten. Alle produzierenden Unternehmen müssen jetzt also sparen und reduzieren. Einige werden diese Umstellung nicht überleben. Es ist allerdings auch eine Binsenweisheit, dass man keine Firma und erst recht keine Branche nur durch Kostenreduzierung sanieren kann. Es braucht höhere Erträge bei der Auswertung, also mehr Absatz und Umsatz durch erfolgreichere Produktionen.

Die kürzlich beschlossene Novelle des Filmförderungsgesetzes (FFG) reicht allein nicht, denn im internationalen Vergleich bedeutet sie nur ein Aufschließen an die Konditionen in anderen Ländern. Wichtige Teile der Novellierung stehen noch aus, bis die politische Situation nach der Wahl geklärt ist. Die Fördermittel von Bund und Ländern stehen auch den Produktionen von Netflix & Co. zur Verfügung. Deshalb ist die geplante Verpflichtung für die Streamer richtig, einen Teil der Einnahmen aus dem deutschen Markt für stärkere Investitionen in die Kreativ- und Produktionsinfrastruktur, von der sie profitieren, zu verwenden. Das ist eine europäische Vorgabe, die bereits in vielen Ländern umgesetzt wird.

Die fetten Jahre sind vorbei. Das gilt ganz allgemein für viele Bereiche der deutschen Wirtschaft, sicher auch für die Kreativbranche. Ihre Verbände, Funktionäre und Lobbyisten rufen regelmäßig nach Verbesserungen an den üblichen Stellschrauben: mehr Geld in die Fördertöpfe, Reduzierung der Bürokratie und so weiter. Alles gut und wichtig, aber die Krise ist nicht nur von äußeren Faktoren getrieben. Auch die Branche selbst muss ihre Strukturen und Arbeitsweisen überdenken. Es gibt Bereiche, wo wir es, ohne staatliche Hilfe, besser machen können. Die Integration von künstlicher Intelligenz wird die Branche weiter verändern und viele Arbeitsbereiche wie Postproduktion, VFX, Produktionsorganisation, Auswertung und Marketing effektiver und besser gestalten.

Aber während KI viele Arbeitsprozesse automatisiert und vereinfacht, bleibt fraglich, ob sie kreative Spitzenleistungen ermöglicht. Ohne menschlichen Input und schöpferische Energie sind die Ergebnisse bestenfalls mittelmäßig. Der Mensch als Erzähler und Gestalter bleibt, auf jeden Fall bis auf Weiteres, unverzichtbar. Dreharbeiten sind oft durch lange Wartezeiten und Unterbrechungen geprägt, was zu ineffizienter Ressourcennutzung und erhöhten Kosten führt. Häufig müssen Personal und Ressourcen länger bereitgehalten werden als nötig. Intensivere Proben vor Drehbeginn, um Abläufe am Set besser zu koordinieren und Verzögerungen zu vermeiden, können hier helfen. Präzisere Drehpläne, flexiblere und dem jeweiligen Bedarf angepasste Teams und bessere Kommunikation zwischen den Kreativen und der Produktion helfen, Leerlaufzeiten und Drehzeiten zu reduzieren. Ein Blick nach Los Angeles zeigt, wie eine hohe Effizienz trotz hoher Kosten und geringer staatlicher Förderung möglich ist.

Der Ticketpreis im Kino ist, unabhängig von Nachfrage oder Produktionskosten, im Großen und Ganzen konstant. Dynamischere Preisgestaltungen in relevantem Umfang, wie sie in anderen Branchen längst schon etabliert sind, können dabei helfen, leere Säle zu füllen und eine Verteilung der Kinokapazitäten zu verbessern und gleichzeitig den Kinobesuch zum Beispiel für Familien mit Kindern bezahlbar zu machen. Die bisherigen Ansätze in diesem Bereich reichen nicht aus. Ein Austausch von Daten über unsere Zuschauer zwischen Kinos, Verleihern und Produktionsfirmen ist nahezu nicht existent. Datenschutz und Befindlichkeiten der einzelnen Marktteilnehmer blockieren sinnvolle Entwicklungen. Streamingdienste nutzen ihre Datenvorteile konsequent - die Branche muss sich hier zusammenraufen und sinnvolle Feedback-Systeme vereinbaren.

Die größte Herausforderung bleibt aber das kreative Defizit bei Produzenten, Sendern, Auswertern, Filmemachern und Autoren für mutige, experimentelle und gleichzeitig erfolgreiche Erzählformen. Es mangelt an schöpferischem Mut und auch an Sendeplätzen und Budgets, um neue Ideen auszuprobieren. Ohne Raum für kreative Experimente wird die Branche weiterhin von festgefahrenen Strukturen und einem Mangel an Innovation gehemmt. Ein Blick auf andere Länder zeigt, dass es durchaus möglich ist, mit Kreativität, Innovation und guten Ideen außerhalb von Hollywood weltweit erfolgreich zu sein, von Dänemark oder Israel bis zu Frankreich und Südkorea.

Bei uns gibt es ein paar Lichtblicke bei den Mediatheken der Sender und bei dem einen oder anderen Streamer, aber das ist viel zu wenig, um einen Wettbewerb um die besten kreativen Leistungen zu entfachen. Junge Kreative brauchen Raum, um sich und ihre Ideen auszuprobieren. Gerade bei Kinofilmen gibt es immer wieder Filmemacher, die zu ihrer Generation in einer Sprache sprechen, die genau diese fasziniert und versteht, daraus entstehen die Erfolge, die das Kino braucht.

Weniger Gießkanne, mehr Bestenförderung - das sollte der Weg sein

Um die Entwicklung unserer Kreativen besser zu fördern, braucht es also mehr kreativen Wettbewerb, mehr Initiative und mehr Investitionen bei Verleihern, Sendern und Streamern, gleichzeitig aber weniger, dafür hochwertigere Filme im Kino mit angemessenem Budget und starker Marketingpower, die das Publikum überraschen und ein unvergessliches Erlebnis bieten.

Weniger Gießkanne, mehr Bestenförderung - das sollte der Weg sein. Die Film- und Medienbranche hat das Potenzial, diesen „Perfect Storm“ zu überstehen, vorausgesetzt, sie nutzt die Krise als Chance für einen kreativen und strukturellen Neustart.


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