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Schweigen, wo es laut sein müsste.

Warum die Film- und Medienbranche versagt, wenn es um Judenhass geht.

Von Martin Moszkowicz

Antisemitismus ist längst wieder Alltag – in Deutschland und weltweit. Er zeigt sich auf der Straße, im Netz, in Klassenzimmern, Hörsälen – und sogar in staatlichen Behörden. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hat für 2024 erschütternde Zahlen vorgelegt: 24 antisemitische Vorfälle pro Tag in Deutschland. Das bedeutet: jede Stunde ein Vorfall. Synagogen werden beschmiert, jüdische Einrichtungen brauchen permanenten Polizeischutz, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger werden beleidigt, bedroht und körperlich angegriffen.

Vor diesem Hintergrund hat sich ein breites D-A-CH-Bündnis gegen Antisemitismus formiert. Initiiert von Professor Guy Katz und mit Unterstützung von Volker Beck, dem Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, haben an diesem Fünf-Punkte-Plan das Tikvah Institut, die Werteinitiative – jüdisch-deutsche Positionen, das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender Deutschland, Österreich & Schweiz, die Jüdische Studierendenunion Deutschland und die Conference of European Rabbis mitgewirkt.

Sie haben gemeinsam einen Fünf-Punkte-Plan erarbeitet, der unmissverständlich klarstellt, dass Judenhass in keiner Form geduldet wird. Dieser Plan setzt auf Bildung und Begegnung als Grundlage jeder Prävention. Er fordert eine konsequente Strafverfolgung antisemitischer Straftaten und den dauerhaften Schutz jüdischen Lebens. Jüdisches Leben soll sichtbar und sicher im öffentlichen Raum verankert werden, Normalität soll den Rückzug ersetzen. Außerdem sollen Partnerschaften und jüdische Kultur gefördert sowie Brücken gebaut werden, um Vielfalt sichtbar zu machen. Schließlich verlangt der Plan, dass Antisemitismus systematisch dokumentiert und international bekämpft wird, damit Ursachen besser verstanden und grenzüberschreitende Gegenmaßnahmen entwickelt werden können.

Erstunterzeichner dieses Papiers ist eine Vielzahl gesellschaftlicher Akteure – vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband bis hin zum FC Bayern München, von allen demokratischen Parteien bis zu religiösen Organisationen. Die Bandbreite ist groß und zeigt, dass hier nicht eine Minderheit spricht, sondern die Mitte der Gesellschaft.

Studien zufolge vertreten 20 bis 30 Prozent der Deutschen antisemitische Einstellungen. Das bedeutet umgekehrt, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung kein Problem damit haben sollten, sich klar und unmissverständlich gegen Antisemitismus zu positionieren. Eigentlich müsste der Fünf-Punkte-Plan also eine Selbstverständlichkeit sein – eine unstrittige Grundlage.

Umso auffälliger ist, wer nicht unterzeichnet hat: mit wenigen Ausnahmen die gesamte deutsche Film- und Fernsehbranche. Keine Filmhochschule, kein großer Sender, keine bedeutende Produktionsfirma, kein Branchenverband. Einige haben abgesagt – zum Beispiel die Deutsche Filmakademie oder der Bundesverband Regie, die sich sonst gern als moralische Instanzen inszenieren. Die meisten aber, so die Initiatoren des D-A-CH Bündnisses, haben nicht geantwortet. Dieses Schweigen ist irritierend. Film und Fernsehen sind weit mehr als bloße Unterhaltung. Sie prägen Bilder, erzählen Geschichten, formen Werte und wirken tief in die Gesellschaft hinein. Gerade diese Branche müsste laut, klar und sichtbar vorangehen. Stattdessen hört man auf Nachfrage eine bemerkenswerte Vielfalt an Ausflüchten: Man wolle „neutral“ bleiben. Araber seien ebenfalls Semiten, würden im Papier aber nicht erwähnt. Oder: Eine Unterzeichnung könnte als Parteinahme für Israel verstanden werden.

Diese Argumentation ist nicht nur absurd, sie ist gefährlich. Der Begriff Antisemitismus ist eindeutig: Er bedeutet Judenhass. Neutralität gegenüber Hass, Bedrohung und Gewalt ist nicht möglich. Wer zwischen der Position gegen Antisemitismus und der Position der Antisemiten eine „Mitte“ sucht, stellt sich auf die Seite der Antisemiten.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat diesen Mechanismus präzise beschrieben. Antisemitismus sei längst nicht mehr nur das Ressentiment von Rechtsradikalen oder religiösen Fanatikern. Er habe sich, so Illouz, in Teilen der linksliberalen Kulturwelt eingenistet – gut getarnt als moralisch begründete „Israelkritik“. Diese Form des Antisemitismus spricht die Sprache der Menschenrechte, verwendet Begriffe wie „Dekolonisierung“ oder „Solidarität mit den Unterdrückten“, richtet sich aber in der Praxis fast ausschließlich gegen den jüdischen Staat und gegen Juden, die mit ihm assoziiert werden. Illouz nennt das einen „moralischen Tarnmantel“, der es Intellektuellen, Künstlern und Kulturschaffenden ermöglicht, sich selbst als progressiv und humanistisch zu sehen, während sie gleichzeitig uralte antisemitische Denkmuster fortschreiben.

Gerade in der Film- und Medienbranche ist dieser Mechanismus besonders gefährlich. Hier entstehen Narrative, die weit über den engeren Kreis der Branche hinaus wirken. Wer schweigt, aus Angst, als „zionistisch“ oder „proisraelisch“ gebrandmarkt zu werden, überlässt das Feld jenen, die Antisemitismus als vermeintlich legitimen politischen Diskurs tarnen.

Natürlich stehen viele deutsche Juden hinter Israel und seinem Existenzrecht. Doch wie in Israel selbst gibt es auch hier eine große Bandbreite politischer Positionen – von linken Regierungskritikern bis hin zu ultraorthodoxen Gruppen, die dem Staat Israel distanziert oder ablehnend gegenüberstehen. Antisemitismus aber macht diese Unterschiede irrelevant. Er trifft nicht „die israelische Regierung“. Er trifft Menschen. Juden. Unabhängig davon, wie sie politisch denken. Wer antisemitische Angriffe relativiert, weil sie angeblich „nur Israel“ gelten, verkennt diese Realität – und macht sich mitschuldig.

Der Fünf-Punkte-Plan endet mit einem Satz, der nicht deutlicher sein könnte: „Verantwortung zeigt sich nicht in Absichtserklärungen – sondern in Taten.“ Die erste, einfachste Tat wäre das Unterzeichnen. Jede Hochschule, jeder Berufsverband, jeder Sender, jede Produktionsfirma könnte es noch heute tun.

Dass dies bislang nicht geschieht, verweist auf ein tiefgreifendes Problem. Eine Branche, die sonst lautstark Diversität und gesellschaftliche Verantwortung fordert, schweigt, wenn es um den Schutz jüdischen Lebens geht. Illouz liefert dafür eine bittere Erklärung: Es ist bequemer, sich im selbstgerechten moralischen Diskurs einzurichten, als sich offen und unmissverständlich gegen den ältesten Hass der Welt zu stellen.

Wer heute nicht klar gegen Antisemitismus aufsteht, wird morgen erklären müssen, warum er geschwiegen hat.

Martin Moszkowicz ist Filmproduzent.
Bis März 2024 war er Vorstandschef der Constantin Film.

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