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Auf dem Boden von Los Angeles
Das Haus, in dem ich in Malibu wohnte, hat einst Greta Garbo gebaut. Nun wurde „La Esperanza“ ein Raub der Flammen. Doch die Hoffnung stirbt nicht.
Von Martin Moszkowicz
Anfang des Jahrtausends bin ich in das Haus „La Esperanza“ (die Hoffnung) eingezogen, ein solide im spanischen Stil gebautes Haus, direkt am Tuna Beach in Malibu, kurz hinter der Getty Villa und fast direkt neben dem legendären Strandlokal Moonshadows. Hinter dem Haus rauschten die Autos auf dem Pacific Coast Highway vorbei, der Autobahn von Los Angeles nach Norden, gleich davor donnerte der Pazifik an die Stelzen des Hauses, dass es bei Flut wackelte. Auf der anderen Seite des Highways stand eine windige Holzhütte, das „Cholada“ mit der besten Tom Kha Gai von Los Angeles, daneben das berühmte Topanga Ranch Motel, in dem Jim Morrison wilde Partys geschmissen haben soll. Es war ursprünglich eine Unterkunft für die Arbeiter von William Randolph Hearst beim Bau eines Strandhauses mit 110 Zimmern für seine Geliebte, den Filmstar Marion Davies.
„La Esperanza“ wurde 1928 von Greta Garbo gebaut, Buster Keaton wohnte damals drei Häuser weiter, in den Hügeln dahinter, in Pacific Palisades, stehen die Villa Aurora, das Domizil des exilierten Schriftstellers Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta, und das Wohnhaus von Thomas Mann, in dem er mit seiner Familie von 1942 bis 1952 lebte. Etwa 45 Minuten von Hollywood entfernt, war die Gegend ein Zufluchtsort, um dem Lärm und Chaos des rasant wachsenden jungen Los Angeles zu entkommen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde „La Esperanza“ von einem neuen Eigentümer in mehrere Wohnungen aufgeteilt. Ich habe ganz oben im dritten Stock gewohnt, in einer kleinen Wohnung mit riesiger Fensterfront im Cinemascope-Format und Terrasse über dem Strand. Im Vorderhaus wohnte Jason, der Besitzer, in den zu Wohnungen umgebauten Garagen zwei Familien aus Guatemala.
Überraschend war anfangs für mich die Wildheit der Gegend mit Berglöwen, Kojoten und Füchsen in den Hügeln von Topanga State Park und Delfinen, Kormoranen, Seehunden direkt vor mir im Meer. Im Frühjahr schwimmen Grauwale ganz nahe an der Küste vorbei nach Norden und im Herbst zurück ins warme Wasser von Mexiko. Mittendrin Jason, sein Sohn und dessen Freunde, allesamt passionierte Surfer. Topanga Beach ist eine der besten Surf-Orte in der Bucht von Los Angeles. Während sie im Wasser auf dem Brett standen, kläfften ihnen ihre Hunde am Strand hinterher. „California dreamin’“ ist ohne Hunde undenkbar. Mein Liebling war Lowell, ein alter Basset, der mit seinem Hängebauch den Boden schrubbte. Jason hatte ihn nach der Katrina-Hurrikan-Katastrophe gerettet, und er war der Chef vom ganzen Strand.
Jedes Jahr war ich sieben bis achtmal in Los Angeles, meistens für eine bis zwei Wochen. Ich habe dort unzählige Drehbuchbesprechungen, Projektgespräche und Verhandlungen geführt. „La Esperanza“ war mein Arbeitsplatz und Rückzugsort zugleich. Während der Covid-Jahre, als alle Büros in Los Angeles geschlossen waren, gab es „Walk and talk“-Besprechungen am Strand. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber die Diskussionen und Ideen waren dort besser als in einem Bürohochhaus in der Stadt.
Mein Tag in Malibu fing immer kurz vor Sonnenaufgang mit einer Joggingrunde am Strand bis hinunter zum Will Rogers Beach an. Am Strand lebten viele „unsheltered homeless“, Menschen ohne Schutz und Wohnung, unter ihnen Kriegsveteranen, manche von ihnen jahrelang, sodass wir uns kannten und grüßten.
Städte entstehen oft an strategischen Orten, Knotenpunkten von Handelsrouten, an Flüssen oder in fruchtbaren Gebieten. Los Angeles jedoch hat keinen dieser Vorteile. Die Stadt liegt in einer Wüste, ohne Wasserquellen, ohne natürlichen Hafen und in einem der aktivsten Erdbebengebiete der Welt. Dennoch wuchs sie innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Kleinstadt mit 100.000 Einwohnern um 1900 zur Millionenmetropole und zweitgrößten Stadt der Vereinigten Staaten.
Die Gründe für dieses explosive Wachstum waren billiges Land, viel Sonne und Licht – ideale Bedingungen für die aufstrebende Filmindustrie. Auch die Distanz zu den Patentanwälten von Edison & Co. an der Ostküste spielte eine Rolle. Deutsche wie Carl Laemmle, ein Jude aus Laupheim bei Ulm, erkannten früh das Potential der Region. 1912 gründete Laemmle auf einer ehemaligen Hühnerfarm die Universal Studios, das Fundament für Hollywoods Aufstieg zur Filmmetropole.
Die Stadt wuchs in rasantem Tempo, sie wurde schnell und billig gebaut, meist aus Holz, wie eine Filmkulisse. 1928, im Jahr der Errichtung von „La Esperanza“, war Los Angeles Schauplatz von 80 Prozent der weltweiten Filmproduktion, damals schon war die Stadt stolz auf ihre kurze Vergangenheit und markierte sie mit Sternen auf dem Hollywood Boulevard. Hollywood war Zentrum des internationalen Kinos, Synonym für Glamour, Erfolg und Kreativität. Seit über einem Jahrhundert kommen Filmemacher, Schauspieler und andere Kreative deshalb aus Europa nach Hollywood, aus ganz unterschiedlichen Motiven wie politischer Verfolgung, wirtschaftlicher Not, wegen der künstlerischen Freiheit oder Sehnsucht nach neuen Möglichkeiten und Welterfolg.
Bernd Eichinger war in den achtziger Jahren der einzige deutsche Produzent, der aus Deutschland heraus internationale Filme produzierte und ein Gespür für den Weltmarkt hatte. Um 1990 zog es ihn mehr und mehr Richtung Los Angeles. Helmut Dietl war nach kurzer Zeit wieder nach Deutschland zurückgekehrt, aber Wolfgang Petersen, Doris Dörrie, Roland Emmerich, Uli Edel, Christian Ditter und andere haben dort Filme gemacht, und einige sind geblieben. Eichinger kam, weil er in Deutschland die Anerkennung seiner Erfolge vermisste, gleichzeitig reizten ihn das Abenteuer und die Möglichkeiten in Hollywood. Manche seiner Mitarbeiter und Weggefährten zogen mit ihm, wie ich. Manche nur temporär, manche für immer.
Mein erstes Haus in den Hollywood Hills teilte ich mit Sönke Wortmann. Hier, am Macapa Drive, schrieb er das Drehbuch zu „Der bewegte Mann“. Doris Dörrie und ich haben uns dort verliebt. Das Hollywood-Zeichen gegenüber war immer präsent, und über die folgenden Jahre zog ich schrittweise westwärts, bis ich in „La Esperanza“ landete. Mir gefiel, wie unkompliziert die Gemeinschaft in diesem Haus war, wie in einem Spiegelbild von Los Angeles, einem Mosaik aus verschiedenen Kulturen und Geschichten, Menschen, die von ihrer Phantasie und Kreativität leben. Einer meiner Nachbarn war Frank Pierson, der Drehbuchautor von „Dog Day Afternoon“, jeden Sommer zog Douglas Day Stewart ein, der „An Officer and a Gentleman“ geschrieben hatte. Beim Spaziergang am Strand traf man Regisseure wie Jon Turteltaub („Cool Runnings“) oder Alanis Morissette und Ryan Reynolds, Val Kilmer und viele andere.
Und dann kam im Januar 2025 zuerst der Wind und dann das Feuer. „La Esperanza“ war ein stabiles Haus, es hatte schon einige kleinere Erdbeben überstanden und die fast jährlichen Feuer in den Hügeln. Aber dieses Mal sprang, angefacht durch die starken Winde, das Feuer aufs Haus über, kokelte es zuerst nur ein bisschen an, bis es am Nachmittag vom 9. Januar noch einmal Feuer fing und bis auf die Grundmauern abbrannte, wie fast alle Häuser in dieser Gegend am Pacific Coast Highway. Das Cholada, Topanga Ranch Motel, all gone. Nur direkt neben „La Esperanza“ ist ein Haus verschont geblieben. Es gehört einem texanischen Industriellen und ist eine relativ moderne Konstruktion mit einem feuerfesten Dach.
Die Zerstörung ist tragisch, und sie betrifft so viele Filmschaffende in Malibu, Pacific Palisades, Glendale und Altadena, doch Hollywood als Synonym für Kino hat sich immer wieder neu erfunden. Ob es der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm war, die Konkurrenz durch das Fernsehen oder die Revolution durch Home-Entertainment und Streamingdienste: Stets hat die Filmindustrie bewiesen, dass sie Krisen als Chance begreifen kann. Getragen von Optimismus, Kreativität und handwerklichem Können, bleibt Hollywood ein Ort, an dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um Geschichten zu erzählen, die die Welt bewegen. Es gibt den unerschütterlichen Glauben, dass man die Welt mit seinen Ideen besser machen kann, und das ist der Boden, auf dem Los Angeles gebaut ist. Geschichtenerzähler aus der ganzen Welt haben seit 100 Jahren Hollywood nicht nur bereichert, sondern geformt. Sie brachten neue Erzähltechniken, künstlerische Perspektiven und kulturelle Vielfalt in die amerikanische Filmindustrie. Gleichzeitig prägte die Stadt ihre Arbeit und gab ihnen die Mittel, um Geschichten zu erzählen, die die ganze Welt erreichten.
Ich habe in Hollywood gelernt, wie wichtig Optimismus ist. Happy Ends sind ein Teil der amerikanischen Filmkultur, und ich bin sicher, dass die Stadt wieder aufgebaut wird – besser und erfolgreicher als zuvor. Die Hoffnung lebt weiter, auch ohne „La Esperanza“.
Der Autor ist Filmproduzent und war Vorstandschef der Constantin Film. Er war an mehr als 300 Produktionen beteiligt. Seit 2019 ist er Honorarprofessor der Hochschule für Fernsehen und Film München. 2024 erhielt er den Carl-Laemmle-Produzentenpreis für sein Lebenswerk.











